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Hektische Hunde: Wenn der Sympathikus den Ton angibt

Benimmt sich dein Hund manchmal daneben? Also meiner - NIE (kleiner Scherz). Springt dein Hund Leute an? Bellt er manchmal übermäßig viel? Ist er oft unruhig und kommt nicht runter? Zieht er an der Leine? Zeigt er aggressives Verhalten gegenüber anderen Hunden? Die Liste der sogenannten "Problemverhalten" könnte man noch lange so weiterführen.

Hast du schon mal gegoogelt, um Lösungen für solche Probleme zu finden? Da gibt es die abenteuerlichsten Vorschläge. Jede Trainerin scheint DIE Lösung für jedes Problem zu haben, ohne deinen Hund überhaupt zu kennen. Und interessanterweise sind die Lösungen immer "schnell" und "einfach"...komisch...In Wirklichkeit sind es Spekulationen und oft schlichtweg falsch, wenn einem z.B. erklärt wird "Das macht der Hund, weil er dominant ist." Das ist Blödsinn und die Ratschläge, die daraufhin folgen, sind meist tierschutzrelevant.

Aber darum soll es im heutigen Blogartikel gar nicht gehen. Stattdessen beschäftigen wir uns heute mit den Problemverhalten bzw. wie es dazu kommt.

Ein Hund springt eine Frau an
Auch positive Aufregung führt zu einer Aktivierung des Sympathikus und somit zu schnellen körperlichen Bewegungen.

Sympathikus vs. Parasympathikus

Wenn man sich die Verhaltensweisen anschaut, die ich oben aufgezählt habe, dann erkennt man eine Gemeinsamkeit. Es sind alles schnelle, hektische Verhalten. Das ist sehr wichtig zu erkennen, denn es zeigt uns, dass der Hund in dem Moment vom Sympathikus gesteuert wird, also vom sympathischen Nervensystem (SNS). Das sympathische Nervensystem ist verantwortlich für die "Kampf-oder-Flucht"-Reaktion des Körpers. Es wird aktiviert, wenn der Körper auf eine Stresssituation reagiert, sei es physisch oder emotional. Es bereitet den Körper auf schnelle körperliche Aktivität vor, um auf Bedrohungen zu reagieren. Es ist also aktiv, wenn der Hund aufgeregt, nervös oder ängstlich ist. Das ist wichtig! Auch wenn der Hund aufgeregt ist, agiert der Sympathikus. Es muss keine Gefahr bestehen, um den Sympathikus zu aktivieren. Viele denken, dass der Hund nur Stress hat, wenn er Angst hat. Das stimmt nicht ganz. Auch positive Aufregung führt zu einer Aktivierung des Sympathikus und somit zu schnellen körperlichen Bewegungen, zu Hektik.

Zum Sympathikus gibt es einen Gegenspieler, den Parasympathikus. Das parasympathische Nervensystem (PSNS) ist für die Entspannungs- und Erholungsreaktionen des Körpers verantwortlich. Es wird aktiviert, wenn der Körper sich in einem ruhigen Zustand befindet. Das parasympathische System senkt die Herzfrequenz, fördert die Verdauung, unterstützt die Nährstoffaufnahme und sorgt für allgemeine Erholung und Regeneration.

Diese beiden Systeme arbeiten zusammen, um den Körper in einem Gleichgewicht zu halten. Während das sympathische Nervensystem bei Bedarf Energie mobilisiert und auf Stress reagiert, sorgt das parasympathische Nervensystem für Erholung und Regulierung in entspannten Momenten.

Wenn ein Hund also ein Verhalten zeigt, das hektisch und übertrieben ist, dann wissen wir, dass das SNS des Hundes aktiviert wird. Die Aktivierung des SNS führt zu Veränderungen im Körper, die beim Hund das Bedürfnis erzeugen, sich viel zu bewegen. Dies kann sich oft in verschiedenen Arten von „hektischem“ Verhalten, wie springen, rennen, graben auswirken. Selbst das Gehirn ist davon betroffen. Wenn der Sympathikus aktiv ist, wird Information anders verarbeitet bzw. kann man auch nicht mehr so gut denken, keine guten Entscheidungen treffen. Bei Hunden kommt es dann oft zu den sog. Übersprungshandlungen, über die ich schon gesprochen habe. Falls dir das nichts sagt, hör dir gern meinen Podcast "Entdecke deinen Hund" an.

Schnell rauf, langsam runter

Natürlich spielen auch Hormone eine Rolle in diesem ganzen Prozess. Die Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol, die ausgeschüttet werden und dazu führen, dass der Hund hektisch agiert, werden zwar schnell ausgeschüttet, damit der Körper auch schnell reagieren kann, aber es braucht relativ lange, bis sie wieder verschwinden, also bis der Körper sich wieder beruhigt. Es kommt daher zu einer schnellen Aktivierung des ganzen Körpers, aber darauf folgt eine langsame Deaktivierung. Das ist besonders wichtig und solltest du dir gut in Bezug auf "Problemverhalten" merken. Warum?

Stell dir vor, der Körper des Hundes ist ein Glas. Jedes aufregende Ereignis füllt das Glas mit einem Schluck Wasser an. Das geht ziemlich schnell und schon ist der Boden des Glases 1cm mit Wasser bedeckt. Was passiert jetzt? Ich habe oben schon gesagt, der Körper wird zwar schnell aktiviert, aber langsam deaktiviert, d.h. Stress verschwindet nur langsam aus dem Körper, so als ob man versucht, das Wasser mit einer Gabel aus dem Glas zu entfernen. Während man das macht und es langsam weniger wird, kommt aber schon wieder das nächste Ereignis, das Stress erzeugt und es kommt der nächste große Schluck Wasser ins Glas. So geht das weiter. Du kannst dir vorstellen, wohin das führt. Das Glas füllt sich viel schneller an, als man das Wasser mit einer Gabel entfernen kann. D.h. Stress wird immer weiter aufgebaut, aber nicht oder nur ganz wenig davon abgebaut, bis das Glas voll ist. Der letzte Schluck bringt das Glas schließlich zum Überlaufen. Das muss gar kein negatives Ereignis sein, das kann jede Art der Aufregung sein. Jetzt reagiert der Hund "plötzlich" mit Bellen, Knurren, Anspringen, oder sogar mit Schnappen oder Beißen.


Auf den letzten Schluck kommt es nicht an

Was machen Menschen nun in solchen Situationen? Sie analysieren diesen letzten Schluck. Da wird dann wild spekuliert, ob der andere Hund meinen Hund irgendwie an einen anderen Hund erinnert hat, oder ob der Mensch, den mein Hund angeknurrt hat, meinen Hund länger als 3 Sekunden angeschaut hat, etc. Bla, bla, bla. Aber darauf kommt es nicht wirklich an. Was wichtig ist, ist folgende Frage: Wie kommt das ganze Wasser ins Glas also welche Ereignisse tragen dazu bei, dass das SNS des Hundes aktiviert wird? Die Nachbarskatze? Der bellende Hund hinterm Zaun? Der Postler? Autofahren? Deine Stimmung? Es sind nämlich die vielen täglichen Dinge, die dazu beitragen können. Natürlich ist das bei jedem Hund unterschiedlich. Was meinen Hund aufregt, kann deinem Hund egal sein.


Der Punkt ist

Wir müssen herausfinden, was das Glas gefüllt hat, und nicht, was der letzte Tropfen war. Und denk dran: Das Glas wird auch gefüllt durch positive aufregende Ereignisse. Du musst wissen, wann sich das Glas für deinen Hund füllt, und du musst etwas tun, BEVOR es voll ist. Warte nicht! Du musst so schnell wie möglich das Wasser aus dem Glas bekommen, und zwar nicht erst, wenn es voll ist, sondern schon vorher, wenn noch ganz wenig Wasser im Glas ist. Denn wenn das Glas voll ist, dauert es viel länger, es wieder zu leeren.


Willst du noch tiefer in dieses spannende Thema eintauchen? Hör dir meine letzte Podcastfolge an (Staffel 2, Folge 15) mit dem Titel "Bist du Sympathikus?" (hier geht's zum Podcast).


Zwei Buchempfehlungen habe ich auch für dich:

  1. Hüter, Gerald. Biologie der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden.

  2. Sapolsky, Robert. Why Zebras Don't Get Ulcers.

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