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Weniger Training. Mehr Raum zum Hundsein.

Warum Freiheit, Wahrnehmung und Nasenarbeit Hunde wirklich stärken.


Es gibt diesen leisen Moment, den viele Hundehalter:innen kennen. Der Hund ist gut erzogen, man hat die Hundeschule besucht, er bekommt Beschäftigung, Auslastung und natürlich Training. Und trotzdem scheint man nicht anzukommen. Der Hund hat eine innere Unruhe, wirkt öfters angespannt. Man fragt sich vielleicht: "Was soll ich denn noch alles machen?"

Vielleicht ist es an der Zeit, eine ganz andere, aber unbequeme Frage zu stellen: Brauchen Hunde wirklich noch mehr Training? Oder brauchen sie etwas ganz anderes?

Dieser Text ist kein Trainingsplan. Er ist eine Einladung zum Nachdenken. Und vielleicht auch zum Loslassen.


Hund liegt im Wald im Schlamm
Hund sollten auf ihren Spaziergängen so oft wie möglich selbst entscheiden können, wohin sie gehen möchten und wo sie gern verweilen möchten.

Freiheit ist kein Extra – sie ist die Grundlage

Hunde brauchen Freiheit. Nicht grenzenlose Freiheit, nicht Beliebigkeit, sondern die Möglichkeit, selbst Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen darüber, wohin sie gehen, wie lange sie verweilen, was für sie gerade wichtig ist.

Freiheit bedeutet für Hunde:

  • Freiheit, sich zu bewegen

  • Freiheit, zu denken

  • Freiheit, Dinge zu tun, die sich für sie sinnvoll anfühlen

Ein Hund, dessen Alltag aus Kommandos besteht, lernt vor allem eines: zu reagieren. Er wartet auf Anweisungen, auf Freigaben, auf Korrekturen. Aber Entwicklung entsteht nicht durch Reaktion und nicht durch Training. Entwicklung entsteht durch Erfahrung, durch Ausprobieren, durch selbstständiges Handeln.

Das gilt für Hunde genauso wie für uns Menschen. Kinder, die in engen Strukturen aufwachsen, ohne Entscheidungsfreiheit, ohne Raum für Kreativität und Eigeninitiative, passen sich oft an – aber sie entfalten sich nicht. Sie funktionieren, statt sich zu entwickeln.

Warum sollten wir bei Hunden etwas anderes erwarten?

Ein Hund, der denken darf, lernt Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Er lernt, Situationen einzuschätzen, mit Unsicherheit umzugehen, Lösungen zu finden. All das sind Fähigkeiten, die kein Kommando ersetzen kann.

Freiheit ist deshalb kein Luxus. Sie ist die Grundlage für gesunde emotionale und soziale Entwicklung.


Wenn Training zur Norm wird – und Natürlichkeit verschwindet

Viele unserer heutigen Vorstellungen vom „richtigen“ Umgang mit Hunden sind erstaunlich unnatürlich. Eine der problematischsten Entwicklungen in der Hundewelt ist aus meiner Sicht die Selbstverständlichkeit von Training. Es herrscht der Glaube, dass Hunde Training bräuchten. Meiner Meinung nach aber ein Irrglaube.

Nicht, weil Lernen schlecht wäre. Sondern weil dort oft etwas verloren geht: der Blick auf den individuellen Hund.

Stattdessen sehen wir:

  • Vergleich

  • Bewertung

  • Leistung

  • Funktionieren

  • Zertifikate

Hunde lernen, was von ihnen erwartet wird. Aber sie lernen kaum noch, sich selbst wahrzunehmen.

Dabei sind Hunde unglaublich klug. Wer ihnen zusieht – wirklich zusieht – erkennt schnell, wie fein ihre sozialen Fähigkeiten sind. Wie sie Konflikte lösen, Nähe regulieren, kommunizieren, ohne Worte, ohne Regeln, ohne Trainingsplan.

Ich sage meinen Kund:innen oft: Schaut eure Hunde an. Nicht das, was sie „machen sollen“, sondern das, was sie bereits können.


Hundegruppe interagiert friedlich
Wir können Hunden bei sozialen Interaktionen gern mehr vertrauen. Sie sind sehr gut darin.

Hunde sind soziale Expert:innen – wir haben nur verlernt, ihnen zuzuhören

Hunde verfügen über fantastische soziale Kompetenzen. Sie lesen Körpersprache, erkennen Spannungen, reagieren differenziert auf ihr Gegenüber. Vieles von dem, was wir mühsam „trainieren“, können sie längst – wenn wir sie lassen.

Und doch sind wir Menschen oft erstaunlich beschäftigt damit, Hunde zu beschäftigen.

Wettbewerbe. Programme. Action. „Fun für den Hund“.

Aber was davon ist wirklich sinnvoll für Hunde?

Ich bin ehrlich: Ich bin wenig beeindruckt davon, wie Menschen oft mit Hunden umgehen. Alles dreht sich um Aktivität, Leistung, Wettbewerb. Dabei ist das für Hunde meist bedeutungslos.

Hunde brauchen keine Animation. Sie brauchen Sinn.


Natürlichkeit statt Dauerbespaßung

Natürliches Verhalten entsteht nicht durch Anleitung. Es entsteht durch Raum und Zeit.

Wenn du dich natürlich verhältst, folgt dein Hund. Wenn du gehst, geht dein Hund mit. Das ist kein Zauber, keine Technik – es ist Beziehung.

Ernsthaftes Training sollte die Ausnahme sein. Nicht der Alltag.

Der Alltag selbst ist der wichtigste Lernraum.


Warum Apportieren kein Geschenk ist

Ballwerfen gilt für viele als harmlose, ja sogar sinnvolle Beschäftigung. Ein Hund läuft, bringt zurück, freut sich – scheinbar. Doch wenn wir genauer hinschauen, merken wir schnell: Hunde brauchen Apportieren nicht. Viele leiden sogar darunter.

Apportieren:

  • erhöht das Erregungsniveau

  • hält Hunde dauerhaft im Außen

  • aktiviert Jagd- und Suchtsysteme ohne Abschluss

  • fördert Wiederholung statt Regulation

Was dabei oft fehlt, ist innere Ruhe. Selbstbestimmung. Wahlmöglichkeit.

Demgegenüber steht Nasenarbeit – zumindest so, wie ich sie verstehe.

Nasenarbeit ist für mich kein Ersatz für Ballwerfen und keine neue Form von Auslastung. Sie ist auch kein Werkzeug, um Hunde „müde“ zu machen oder handhabbarer. Und sie ist ganz sicher kein Wettbewerb.

In meinem Verständnis von Nasenarbeit darf der Hund entscheiden.

Er entscheidet, ob er mitmachen möchte. Er entscheidet, wann er beginnt. Und er darf auch entscheiden, wieder aufzuhören.

Diese Möglichkeit, auszusteigen, ist zentral. Denn nur dort, wo ein Hund Nein sagen darf, gibt es echte Freiwilligkeit.

Leider wird Nasenarbeit mittlerweile oft anders verstanden. Auch hier schleichen sich Konzepte ein, die wir aus klassischem Training kennen: Kommandos, Abläufe, Leistungserwartungen. Es gibt Wettbewerbe, Zielzeiten, klare Vorgaben. Nasenarbeit wird zur Disziplin.

Für mich verliert sie damit ihren Kern.

Denn sobald der Hund funktionieren muss, sobald er „abliefern“ soll, sobald es richtig oder falsch gibt, sind wir wieder dort, wovon wir eigentlich weg wollten: im Training.

Nasenarbeit im ursprünglichen Sinn ist etwas anderes. Sie ist offen. Still. Nicht messbar.

Der Hund folgt seiner Nase – nicht einer Anweisung. Er sucht nicht, weil er soll, sondern weil er will. Und genau darin liegt ihre Kraft.

Nasenarbeit wirkt regulierend, weil sie selbstbestimmt ist. Sie ordnet das Nervensystem, weil sie keinen Druck kennt. Sie stärkt Vertrauen, weil sie Beziehung ohne Kontrolle ermöglicht.

Alles andere mag sinnvoll erscheinen, gut gemeint sein, professionell aussehen – aber es ist etwas anderes.

Und genau deshalb ist es mir wichtig, hier klar zu sein: Wenn Nasenarbeit nur eine weitere Trainingsform wird, verliert sie das, was sie eigentlich so wertvoll macht.


Wahrnehmung vor Gehorsam

Der wichtigste Sinn des Hundes ist nicht das Gehorchen. Es ist die Wahrnehmung.

Sehen. Riechen. Beobachten. So lernen Hunde, mit ihrer Umwelt umzugehen. Sie scannen ihre Umgebung, nehmen kleinste Veränderungen wahr, ordnen Reize ein. Das ist die Basis von Sicherheit.

Deshalb halte ich es für problematisch, einem Hund beizubringen, den Menschen ständig anzuschauen – und das auch noch auf Kommando. Damit unterbrechen wir genau diesen Lernprozess.

Ein Hund, der permanent nach oben blickt, verliert den Kontakt zur Umwelt. Er lernt nicht, Situationen selbst einzuschätzen, sondern orientiert sich ausschließlich am Menschen. Das mag auf den ersten Blick „gehorsam“ wirken, führt aber langfristig oft zu Unsicherheit.

Hinzu kommt ein körperlicher Aspekt: Das häufige, erzwungene Hochnehmen des Kopfes kann die Halswirbelsäule belasten und Spannungen im gesamten Bewegungsapparat fördern.

Ein Hund, der seine Umwelt lesen darf, wird nicht zwangsläufig gehorsamer – aber er wird kompetenter. Und Kompetenz ist die Grundlage für echtes Vertrauen.


Was Nasenarbeit leisten kann

Wenn ein Hund seine Nase einsetzen darf, geschieht etwas Entscheidendes: Er übernimmt die Führung. Er bestimmt das Tempo, die Richtung, die Dauer. Er trifft Entscheidungen – und erlebt Selbstwirksamkeit.

Diese Form der Arbeit wirkt tief, weil sie das Nervensystem anspricht. Riechen ist für Hunde keine oberflächliche Beschäftigung, sondern eine grundlegende Art, die Welt zu verarbeiten. Es wirkt ordnend, strukturierend und regulierend.

Nasenarbeit braucht keine Animation. Kein Antreiben. Kein Ziel.

Sie lädt den Hund ein, bei sich zu bleiben, und sie lädt uns Menschen ein, still zu werden, zu beobachten, zu vertrauen.

In einer Welt, die von Reizen, Tempo und Erwartungen geprägt ist, ist Nasenarbeit eine ruhige Arbeit. Kein Training im klassischen Sinn – sondern eine Rückkehr zu etwas Ursprünglichem.

Hundetrainerin und Hund beim Spaziergang im Wald im Winter
Lass dir Zeit beim Spaziergang. Lass deinen Hund das Tempo bestimmen.

Drei Impulse für Hundehalter:innen mit einem anderen Mindset

Diese drei Gedanken sind keine Anleitung. Sie sind eine Einladung.

1. Slow down

Wir gehen oft zu schnell. Vor allem für unsere Hunde.

Je kleiner der Hund, desto langsamer sollte das Tempo sein. Geschwindigkeit entscheidet darüber, ob ein Hund wahrnehmen kann oder nur hinterherläuft.

2. Mach Spaziergänge ohne Futter, ohne Agenda

Wenn du spazieren gehst, lass die Leckerlis zu Hause.

Nicht, weil Belohnung schlecht wäre, sondern weil sie oft Eigenmotivation ersetzt.

3. Verzichte auf Trainingsmethoden

Jeder Hund ist anders. Jede Beziehung ist anders.

Was sich ändern muss, ist nicht die Technik – sondern das Mindset.


Mein Wunsch für 2026

Weniger Training. Mehr Raum zum Hundsein.

Vielleicht wissen Hunde längst, wie es geht.

Wir müssten nur aufhören, sie ständig zu unterbrechen.


Hundetrainerin und Hund am Berg im Schnee

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